Die Kraft der Einzelmeinung

Die Kraft der Einzelmeinung

23.05.2017 Guido Augustin

Wir müssen Einzelmeinungen als solche erkennen und verstehen, wenn wir Zusammenhänge begreifen und erfolgreichen sein wollen. Wenn ein Depp eine Brille trägt, sind nicht alle Brillenträger Deppen. Volksmund sagt: „Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.“

Im Studium habe ich den schönen Begriff „quasistatistische Wahrnehmung“ gelernt: Immer mehr Ausländer in unseren Innenstädten, immer kleinere Eisbällchen, immer mehr Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr. Könnte sein, dass die Angst vor Gewaltverbrechen nicht zunimmt, weil mehr Verbrechen begangen werden, sondern weil mehr darüber berichtet wird. Könnte sein, dass die Angst, in unseren Breitengraden Opfer von Terroristen zu werden, nur mit Hysterie zu erklären ist.

Einzelmeinungen sind häufig emotional, irrational − und vor allem unrepräsentativ. Wie viel sinnvoller ist es, sich bei seinem Urteil auf eine breitere Basis zu verlassen. Das hat zwar auch seine Tücken, wie manch gewählte Volltrottel in Demokratien uns immer wieder beweisen. Aber auch das ist eine Einzelmeinung und letztlich dürfte sich Demokratie als System als überlegen erweisen.

Zu jedem noch so konstruktiven Vorschlag wird sich ein Knöterich finden, der weiß, zu wissen glaubt und gerne wissen möchte, dass das aus einem einzelnen Grund in einem einzelnen Fall Blödsinn ist. Dann eben kein Raumfahrtprogramm, kein Thermomix, keine Erderwärmung.

Wie viele Menschen müssen diesen Newsletter lesen, damit sie auf meine Webseite klicken, schließlich Guidos Almanach buchen? Alles messbar.

„Herr Doktor, können sie mir nicht was verschreiben gegen dieses Ziehen in der Brust?“ Der Hausarzt wird dem Wunsch der alten Dame nachkommen, eine Pille gegen die Pein und gut. Mal ehrlich: Wer von uns wurde schon mal von seinem Arzt über die Erfolgsquote eines Medikaments informiert? Gibt es aber: Nennt sich NNT, steht für „Number Need to Treat“. Dieser Wert gibt an, wie viele Patienten in einem festgelegten Zeitraum ein Medikament nehmen müssen, damit es bei einem wirkt. Das heißt, dass es nicht bei allen wirkt. Kann also sein, dass ich etwas nehme, was mir nicht hilft. Allein diese Erkenntnis für einen Patienten war mir lange unbekannt. Ich habe beispielsweise Zahlen gefunden zu einem Medikament, das gegen Erbrechen nach OPs hilft. Der NNT liegt bei 4,4. Runden wir großzügig ab und stellen fest: Jedem vierten Patienten hilft das Mittel. 4,4 ist übrigens ein Spitzenwert. Wenn Hochdruckpatienten unter 60 Jahren Betablocker und Diuretika bekommen, um eine ernste Erkrankung zu verhindern, liegt der NNT über 800. Vereinfacht gesagt: 799 Menschen hilft es nicht, einem dann schon. 800 haben die Nebenwirkungen. (Anmerkung: Ich bin kein Mediziner und garantiere nicht für die Exaktheit der medizinischen Werte. Doch die Grundaussage steht.)

Bei uns im Marketing heißt das Conversion. Die Conversion des Betablockers beträgt 1:800 (gerundet), das sind 0,15 Prozent. Die Conversion ist das Gegenteil der Einzelmeinung. Nun will ich gar nicht zu sehr abdriften und mir Gedanken über den Unterschied zwischen einem Mailnewsletter und einem Medikament machen. Aber hie wie da gibt es Nebenwirkungen. Bei der Mail etwa ein tobender Ich-habe-das-nie-bestellt-Mensch, der mit der Härte des Gesetzes droht. Oder ein Vorstand, der just mit diesem Toberich Golf spielt. Aber bitte, das sind Einzelmeinungen. Wenn diese nicht zu viele und zu wild werden und die Conversion stimmt, ist alles gut. Schließlich sind solche Einzelmeinungen im Zweifelsfall leichter zu ertragen als ein Ausschlag, Sehstörungen oder Dauerschmerzen.

Über den Autor

Guido Augustin

Texte, die wirklich funktionieren. Das ist die Positionierung von Guido Augustin, Autor und Unternehmer aus Mainz. Er schreibt Profile, Artikel und Fachbücher. In seinem Newsletter „Guidos Wochenpost“ befasst er sich mit tollen Texten, mehr Geschäft und einem schöneren Leben.